• Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen hat die Europäische Union im Januar 2026 das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay & Paraguay unterzeichnet

    Bild_Eine Bewertung zwischen Geopolitik, Industrieinteressen und Landwirtschaft_

    Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen hat die Europäische Union im Januar 2026 das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay unterzeichnet. Mit rund 700 Millionen Einwohnern und einer gemeinsamen Wirtschaftsleistung von etwa 22 Billionen US-Dollar entsteht damit einer der größten Handelsräume der Welt.

    Aus geopolitischer und industriepolitischer Sicht ist dieser Schritt nachvollziehbar. Ja, in Teilen sogar notwendig. Aus ordnungspolitischer und freiheitlicher Perspektive wirft das Abkommen jedoch eine entscheidende Frage auf: Wer trägt die Kosten dieser Strategie und wie fair sind sie verteilt?

    1. Die geopolitische Realität: Warum Mercosur für Europa wichtig ist

    Europa steht vor einer tiefgreifenden Neuordnung der Weltwirtschaft. Drei Faktoren dominieren:
    – Zunehmender Protektionismus der USA, insbesondere durch neue Zollregime und industriepolitische Subventionen
    – Wachsende Abhängigkeit von China bei Rohstoffen, Vorprodukten und globalen Lieferketten
    – Der strategische Wettbewerb um kritische Rohstoffe, insbesondere Lithium, Kupfer und seltene Metalle

    Das Mercosur-Abkommen ist eine Antwort auf diese Lage.

    Es sichert europäischen Unternehmen besseren Zugang zu südamerikanischen Märkten, senkt Zölle von teils über 30 % auf Industrieprodukte (z. B. Automobile, Maschinen, Chemie) und verbessert den Zugang zu strategisch relevanten Rohstoffen.

    Der Bundesverband der Deutschen Industrie beziffert das zusätzliche Exportpotenzial europäischer Unternehmen auf rund 39 % gegenüber dem heutigen Niveau. Studien des Ifo Institut gehen davon aus, dass ein Teil der wirtschaftlichen Verluste aus US-Zöllen durch Mercosur kompensiert werden kann.

    Geopolitisch gilt daher: Wer Handelsräume nicht aktiv gestaltet, wird von anderen Mächten verdrängt.

    2. Industriepolitik: Gewinner sind klar identifizierbar

    Industriepolitisch profitieren vor allem:
    – Automobilindustrie
    – Maschinen- und Anlagenbau
    – Chemie- und Pharmabranche
    – energie- und rohstoffintensive Zukunftsindustrien

    Für diese Sektoren bedeutet Mercosur:
    – verbesserte Skaleneffekte
    – stabilere Lieferketten
    – geringere Markteintrittsbarrieren
    – bessere Absicherung gegen geopolitische Schocks

    Aus staatspolitischer Sicht ist das rational. Industrie ist das Rückgrat von Wertschöpfung, Steuereinnahmen und technologischer Souveränität.

    3. Landwirtschaft: Kein Hauptziel, aber realer Kostenträger

    Gerade weil das Abkommen nicht agrarpolitisch, sondern strategisch motiviert ist, muss man ehrlich benennen, wo Belastungen entstehen.

    Importmengen und Marktanteile Die zollreduzierte Quote für Rindfleisch aus Mercosur-Staaten liegt bei 99.000 Tonnen jährlich.

    Der EU-Rindfleischmarkt umfasst rund 6,8 Millionen Tonnen pro Jahr.
    -> Das entspricht ca. 1,4 % des EU-Marktes.

    Rein mengenmäßig ist das kein Marktkollaps.
    Doch Märkte reagieren nicht nur auf Mengen, sondern auf Erwartungen.

    4. Kostenstrukturen: Wo der Wettbewerbsnachteil entsteht

    Nach Daten der EU-Kommission, der OECD und nationaler Agrarforschungsinstitute liegen die Produktionskosten in Südamerika:
    – bei Rindfleisch 10-25 % unter dem EU-Niveau (stark regionsabhängig)
    – bei Geflügel 15-30 %
    – bei Zucker unter 20 %

    Diese Unterschiede resultieren aus:
    – geringeren Umwelt- und Dokumentationsauflagen
    – niedrigeren Lohn- und Energiekosten
    – größeren Betriebseinheiten
    – klimatischen Vorteilen

    Nicht aus „illegaler Produktion“, sondern aus systemisch unterschiedlichen Rahmenbedingungen.

    5. Erwartungseffekte und Marktpsychologie: Der unterschätzte Faktor

    Auch begrenzte Importquoten erzeugen Preiserwartungen:
    – Schlachtbetriebe kalkulieren vorsichtiger
    – Banken bewerten landwirtschaftliche Investitionen restriktiver
    – Pachtpreise geraten unter Druck
    – Nachfolgeentscheidungen werden aufgeschoben
    – Gerade für kleine und mittlere Familienbetriebe ist das existenziell.

    6. Lebensmittelpreise und Marktmacht: Die eigentliche Schieflage

    Zwischen 2020 und 2025 stiegen die Lebensmittelpreise in Deutschland um rund 33 %. Gleichzeitig zeigen Studien – u. a. der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft:
    – Die Erzeugerpreise sind deutlich langsamer gestiegen
    – Vier Handelskonzerne (Edeka, Rewe, Aldi, Schwarz-Gruppe) dominieren über 85 % des Marktes
    – Landwirte bleiben Preisnehmer, nicht Preisgestalter

    Das Problem ist nicht Mercosur allein, sondern eine Wertschöpfungskette, in der Risiken nach unten und Margen nach oben verschoben werden.

    7. Freiheits- und ordnungspolitische Bewertung

    – Freihandel ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument
    – Verlierer dürfen nicht verschwiegen, sondern müssen politisch berücksichtigt werden
    – Strukturpolitik gehört in die Binnenpolitik, nicht auf den Rücken einzelner Berufsgruppen

    Ein Staat, der strategische Industriepolitik betreibt, muss:
    -Ausgleich schaffen
    – Planungssicherheit gewährleisten
    – faire Wettbewerbsbedingungen herstellen

    Alles andere untergräbt Akzeptanz – nicht nur für Mercosur, sondern für offene Märkte insgesamt.

    8. Strategie ja! Blindheit nein! Das EU-Mercosur-Abkommen ist geopolitisch nachvollziehbar und industriepolitisch sinnvoll. Es ist jedoch ordnungspolitisch unausgewogen, wenn seine Kosten einseitig bei der Landwirtschaft und im ländlichen Raum anfallen.

    Freiheitliche Politik heißt nicht, Konflikte zu leugnen, sondern sie offen zu benennen und fair zu lösen.

    Wer offene Märkte will, braucht:
    – ehrliche Kosten-Nutzen-Abwägung
    – gezielte Entlastung statt Symbolpolitik
    – eine Agrar- und Wettbewerbspolitik, die Leistung belohnt statt verdrängt

    Nur so bleibt Freihandel gesellschaftlich tragfähig und politisch legitim.

    Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen haben die EU und der Mercosur-Block ein historisches Freihandelsabkommen unterzeichnet, das rund 700 Millionen Menschen umfasst und den bereits heute 111 Milliarden Euro schweren Handel erheblich vertiefen soll. https://reuters.com/world/americas/eu-mercosur-sign-trade-deal-after-25-years-negotiations-2026-01-17/

    Wirtschaftlich bedeuten die geplanten Schritte einen umfassenden Abbau von Zöllen an fast allen Warengruppen, denn 91 % der Mercosur-Zölle und 92 % der EU-Zölle sollen binnen eines Jahrzehnts fallen. https://en.wikipedia.org/wiki/EU%E2%80%93Mercosur_Association_Agreement

    Geostrategisch wird der Deal als ein Signal gewertet, Europas Industrie konkurrenzfähiger in globalen Märkten zu positionieren, indem er Unternehmen Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und niedrigere Handelsbarrieren bietet. https://atlanticcouncil.org/dispatches/eu-and-mercosur-are-creating-one-of-the-worlds-largest-free-trade-areas/

    Text, Bild, Gestaltung:
    Ingo Wendelken
    Bildnachweis/Symbolische Illustration: EU-Mercosur als Metapher geopolitischer Deals. (KI-generierte Darstellung)

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    EU-Mercosur: Notwendiger Deal – falsche Kostenverteilung


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    wurde gebloggt am 19. Januar 2026 in der Rubrik Allgemein
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